Christina Dalcher, Vox

In einer Welt, in der Frauen nur hundert Wörter am Tag sprechen dürfen, bricht eine das Gesetz: Als die neue Regierung anordnet, dass Frauen ab sofort nicht mehr als hundert Wörter am Tag sprechen dürfen, will Jean McClellan diese wahnwitzige Nachricht nicht wahrhaben - das kann nicht passieren. Nicht im 21. Jahrhundert. Nicht in Amerika. Und doch: Nachdem der erste afroamerikanische Präsident seine Amtszeit beendet hat, wird ein neuer weißer Präsident gewählt, der stramm rechts und klerikal ist. Das ist der Anfang. Schon bald kann Jean ihren Beruf als Wissenschaftlerin nicht länger ausüben. Schon bald wird ihrer Tochter Sonia in der Schule nicht länger Lesen und Schreiben beigebracht. Sie und alle Mädchen und Frauen werden ihres Stimmrechts, ihres Lebensmuts, ihrer Träume beraubt. Ein Armband um das Handgelenk jeden Mädchens, jeder Frau gelegt, löst nach dem 100sten Wort für jedes weitere Wort Stromschläge aus. Frauen, die sich nicht regelkonform verhalten, untreu sind, zu freizügig, was auch immer, werden die Köpfe geschoren und ein Büßerkleid angelegt. Danach werden sie über Stunden und Tage in einer Dauernachrichtenschleife im amerikanischen Fernsehen der Bevölkerung als warnendes Beispiel vorgeführt. Aber das ist nicht das Ende. Für Sonia und alle entmündigten Frauen will Jean sich ihre Stimme zurückerkämpfen.

Wenn Sie sich bei diesem Szenario an den Roman "Der Report der Magd" von Margaret Atwood erinnert fühlen, der bereits vor dreißzig Jahren die Folgen einer theokratischen Diktatur für Frauen eindrucksvoll und beklemment beschrieben hat - so liegt das nahe. Jetzt also eine modernere, weniger literarische, dafür aber temporeichere und thrillerartige Dystopie, die genauso beklemmend ist und mit aktuellen Entwicklungen in der amerikanischen Politik spielt. Zudem verarbeitet die Autorin, die promovierte Linguistin ist, in ihrem mitreißenden Roman wissenschaftliche Erkenntnisse über Sprachgewinnung und Sprachverlust bei Kindern und Jugendlichen.

Christina Dalcher pendelt zwischen den Südstaaten und Neapel. Die gebürtige Amerikanerin, zu deren Helden Stephen King und Carl Sagan zählen, promovierte an der Georgetown University in Theoretischer Linguistik und forschte über Sprache und Sprachverlust. Ihre Kurzgeschichten und Flash Fiction erschienen weltweit in Magazinen und Zeitschriften, u.a. wurde sie für den Pushcart Prize nominiert. »VOX« ist ihr Debütroman.